Taubenhaus, Salz - und große Pläne

13.08.2020,

Kleinste Pilgerherberge DeutschlandsDie kleinste Pilgerherberge in Deutschland - direkt am Weg nach Rom und Santiago de Compostela.

Ja, sie ist winzig, aber sie hat alles, was ein müder Pilger nach einer langen Tagesetappe braucht, um sich zur Ruhe zu betten und neue Kraft zu tanken: eine anständige Matratze, Fenster mit Blick ins Grüne, Ablage für den Rucksack, ein schlichtes Holzkreuz über dem Kopfkissen - und vor der Tür sogar eine Terrasse mitten in einem kleinen, durch einen Zaun abgetrennten Garten. Wer auf dem Stuhl Platz nimmt, hat den Pfahl mit den blauen Wegweisern im Blick: Nach Santiago de Compostela zum Beispiel sind es noch exakt 2210, nach Rom 1325 Kilometer.

Die Wegmarken stehen hier aus gutem Grund. Mitten durch Soltau verlaufen zwei schon seit dem Mittelalter bekannte Pilgerrouten: der Jakobsweg und die Via Romea. Inzwischen bekannt bis zum Abwinken der eine, die andere eher noch ein Insider-Tipp. Das soll sich aber ändern, denn möglicherweise noch in diesem Oktober wird die Via Romea in den Rang einer europäischen Kulturstraße erhoben. Abt Albert von Stade wanderte hier im Jahr 1236 nach Rom, weil
er dem Papst Bericht erstatten musste.

Mit Pferden und Salzsäckchen zum Papst?

Preisgekröntes SalzDie Chancen stehen nicht schlecht – und Wilfried Worch-Rohweder ist bestens darauf vorbereitet. Denn sollte der Europarat „grünes Licht“ geben, wäre das für ihn der Startschuss zu einer Pilgerreise der ungewöhnlichen Art: Dann wollen er und seine Mitstreiter vom Soltauer Salzsiederverein zwei Pferde vor ein Fuhrwerk spannen, sich auf den Weg machen von Stade nach Rom und dem Papst ein Säckchen mit Salz aus der Lüneburger Heide überreichen.

Worch-Rohweder versteht sein Geschäft nicht nur als Rechtsanwalt und Notar, sondern auch wenn es darum geht, das Heidestädtchen mit seiner Salztradition ins Bewusstsein zu bringen. Immerhin hat es Zeiten im Mittelalter gegeben, als man in Sachen Weißes Gold viel eher eine wichtige Rolle gespielt hat als das benachbarte Lüneburg. „Mir selbst war das ja auch unbekannt“, räumt er ein. Ein Zufall sollte das ändern: Als er vor über 25 Jahren ein Gebäude für seine Kanzlei kaufte, erfuhr Worch-Rohweder, damit sei auch das Recht zur Salzförderung erworben: Die Soltau, ein gerade acht Kilometer langes Flüsschen, von dem die Stadt ihren Namen hat, spült durch einen riesigen Salzstock in der Nähe – und direkt auf seinem neuen Grund und Boden liegt die in den 60er Jahren zugeschüttete Salzquelle. Worch-Rohweder legte sie wieder frei, gründete die Salzsieder, richtete mit dem Verein ein kleines Museum ein, rührte die Werbetrommel (besonders spektakulär: Vor zwei Jahren ging es in historischen Kostümen mit dem Ochsenkarren nach Quedlinburg, ein guter mittelalterlicher Kunde im Salzgeschäft). Und machte sich Gedanken über die Finanzierung dieser ganzen Unternehmungen, denn Zuschüsse bekommt der Verein nicht.

Zunächst waren es Ferienwohnungen für Touristen, die Geld in die Kasse brachten. „Dann fiel mir auf, dass unser Museum direkt an den zwei historischen Routen nach Rom und Santiago de Compostela liegt und außerdem am Heidschnuckenweg durch die Lüneburger Heide“, erzählt der ideenreiche Rechtsanwalt. Also investierte der Verein in eine Unterkunft für spirituelle Wandersleute, die in wachsender Zahl durch die Heidelandschaft unterwegs sind.

„Von den Pilgern lerne ich viel Lebensweisheit“

Pilgerherberge von innenAls jüngstes Projekt umgesetzt ist jetzt die kleinste Pilgerherberge Deutschlands - ein Fachwerkhäuschen, vom Bauherrn eigentlich als Taubenschlag gedacht. Viel Arbeit und vor allem handwerkliches Geschick hat er investiert, die Balken sind fachkundig verzapft, ein kleiner Schornstein dient als Belüftung, grüne Pappschindeln schützen das Dach vor Regen. „Aber als der Erbauer den letzten Nagel eingeschlagen hatte, starb er plötzlich. Niemand konnte mit dem Mini-Gebäude etwas anfangen, also haben wir zugegriffen und das Häuschen auf unserem Gelände aufgestellt“, sagt Worch-Rohweder. Jetzt bietet es Platz für zwei Gäste. Durch die Tür krabbeln sie direkt auf die 2 mal 1,60 große Liegefläche, Handtücher liegen als Service griffbereit in den Ablagen unter den Sprossenfenstern, wo eigentlich die Tauben ihre Nester hätten bauen sollen, und auf Wunsch und geringen Aufpreis gibt es die Bettwäsche dazu. Inzwischen hat sich das kuriose Herbergsangebot herumgesprochen, der umfunktionierte Taubenschlag ist eines der beliebtesten Fotomotive Soltaus.

Oft schaut Wilfried Worch-Rohweder abends noch bei den Gästen vorbei, kommt mit ihnen ins Gespräch: „Manche kommen sogar aus Norwegen und haben bereits den Olavsweg hinter sich. Es sind alles sehr interessante Menschen und beim Erzählen lerne ich von ihnen viel Lebensweisheit.“